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Optimierte Schuleinzugsgebiete für die Westschweiz und für Québec

Die Schweizer Studie über die Durchmischung in städtischen Schulen, die wir am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) durchgeführt haben, ist nun neben deutsch auch auf Französisch und Englisch verfügbar. Sie enthält Analysen zu den Städten Genf und Lausanne, wo der am ZDA entwickelte Algorithmus ein ungenutztes Potenzial für eine bessere soziale und ethnische Mischung in Schulen und damit für mehr Chancengleichheit aufzeigt. Der international einzigartige Algorithmus fliesst nun auch in einen gross angelegten Reformplan ein, der von der zivilgesellschaftlichen Organisation École ensemble für die kanadische Provinz Québec entwickelt wurde.

Die Schweizer Studie

Ein erfolgreicher Bildungsweg und gute berufliche Voraussetzungen hängen – zumindest teilweise – davon ab, in welches Schulhaus man zur Schule geht. Dieser Umstand gefährdet die Chancengerechtigkeit – insbesondere bei Schülerinnen und Schülern aus Quartieren mit hohem Anteil von migrantischen und sozial schwächeren Familien. Um Chancengerechtigkeit herzustellen, ist eine stärkere Durchmischung an Schulen nötig.

Die Studie untersuchte am Beispiel der Städte Basel, Bern, Genf, Lausanne, Winterthur und Zürich die Schulzuteilung von Kindern auf der Unterstufe. Zugleich prüfte sie, welche Veränderungen an den Grenzen der Einzugsgebiete nötig wären, um eine bessere soziale und ethnische Durchmischung zu erreichen. Um Schulzuteilung und Schulraumplanung in diesem Sinn zu unterstützen, haben die Studien-Autoren einen Optimierungsalgorithmus konzipiert.

Der Algorithmus – ein datengestütztes Verfahren zur Optimierung schulischer Einzugsgebiete
Eine erste, grobe Zuteilung der Schüler/innen erfolgt in der Schweiz auf der Grundlage von Einzugsgebieten. Diese Einzugsgebiete werden jährlich angepasst, um ausgewogene Klassenbestände zu gewährleisten. Das datengestützte Verfahren schlägt an den Grenzgebieten Anpassungen vor, welche neben ausgewogenen Klassenbeständen und kurzen und sicheren Schulwegen auch eine Nivellierung in der Zusammensetzung der Schulen anstrebt. Hierzu wird für sämtliche Schulen und Strassenblöcke ein «Konzentrationsindex» zum Anteil Schüler/innen mit Fremdsprachigkeit und mit niedrigem Bildungshintergrund berechnet und anschliessend werden in einem intuitiv nachvollziehbaren Verfahren nach möglichst förderlichen Abtauschen von Strassenblöcken im Grenzgebiet zwischen den Schulen gesucht.

Spezifische Ergebnisse für Genf und Lausanne

  • Die zuständigen Behörden in Genf und Lausanne waren nicht bereit, Informationen über die aktuelle Verteilung der Schulen zu liefern, und im Fall von Genf wurde kein Zugang zu den Daten der kantonalen Bildungsstatistik gewährt, welche auch vorläufige Bewertungen der aktuellen Einzugsgebiete ermöglicht hätten.
  • Für die Einzugsgebiete von Genf und Lausanne im Jahr 2000 kann kein moderierender Einfluss ausgemacht werden, der den Effekt der residenziellen Segregation abschwächt. Für Lausanne kann ein leichter Nivellierungseffekt bis 2020 identifiziert werden.
  • Die optimierten Einzugsgebiete, die für das Jahr 2000 berechnet wurden, hätten die Schuldurchmischung in Genf deutlich erhöht. Dies gilt insbesondere für den damals unter Druck stehenden Schulbezirk Champel, wobei ein Austausch von Zonen über die Grenzen des Schulbezirks hinweg vorausgesetzt würde. Dies hätte auch keine längeren Schulwege oder eine Anpassung der Schulkapazitäten erfordert.
  • Von allen untersuchten Städten konnte Lausanne im Jahr 2000 selbst bei gelockerten Spezifikationen für die maximale Länge der Schulwege und die Kapazitäten der Schulräume die geringste Durchmischung erreichen (Spielraum von 10 % im Vergleich zu den im Jahr 2000 beobachteten Werten). Dies ist wahrscheinlich auf die eher fragmentierte Siedlungsstruktur der Stadt zurückzuführen.
  • In Genf konnte im Jahr 2000 bei gelockerten Spezifikationen (s. o.) die am stärksten beanspruchte Schule aufgrund ihrer isolierten Lage nicht entlastet werden. Dasselbe galt in Lausanne für die am stärksten belastete Schule in den Schulbezirken Floréal und Pierrefleur. In diesen Fällen wäre es notwendig, die Schulwege zu verlängern, die Schulwege zu sichern, die Schulräume entsprechend zu planen und städtebauliche Maßnahmen zu ergreifen.

Handlungsempfehlungen der Studie

  • Der Durchmischung an Schulen sollte bereits bei der Festlegung der Einzugsgebiete und Schulzuteilung Rechnung getragen werden.
  • Schulraumplanung und Schulhausbau sollten stärker darauf ausgerichtet sein, die Durchmischung an städtischen Schulen zu fördern.
  • Der Stadtentwicklungspolitik und dem privaten und gemeinnützigen Wohnungsbau kommt für die Erreichung durchmischter Quartiere und damit durchmischter Schulen eine zentrale Rolle zu. Gleichzeitig sollte bei der Aufwertung von Quartieren darauf geachtet werden, dass sozial schwächere und bildungsferne Familien nicht weiter aus der Stadt gedrängt werden.
  • Der neu entwickelte Algorithmus kann in die bestehenden Schulzuteilungsverfahren integriert werden, ohne die Arbeitsschritte der Mitarbeitenden, die damit betraut sind, wesentlich zu verändern.
  • Um die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen, sollen im Falle einer Anwendung die festgelegten Parameter des Algorithmus offengelegt und die Zuteilungspraxis der Behörden offen kommuniziert werden.

Der Reformplan für Québec

Das Schulsystem in Québec wurde in einem Bericht der UNESCO von Ende 2021 als besonders segregierend und ungerecht beurteilt. Beanstandet wird ein Nebeneinander von subventionierten (79%) selektiven privaten Sekundarschulen, selektiven öffentlichen Schulen mit kostenpflichtigen Spezialprogrammen, sowie den übrigen öffentlichen Schulen. Der Hauptautor der Schweizer Studie wurde deshalb von der zivilgesellschaftlichen Organisation ‘École ensemble’ angefragt, anhand von hypothetischen optimierten Einzugsgebieten aufzuzeigen, wie eine Abkehr vom ungerechten Schulsystem aussehen könnte. Mit Hilfe des Algorithmus konnten am Beispiel der Stadt Laval ausgewogene Einzugsgebiete mit kurzen Schulwegen erstellt werden. Diese Analysen sind zentraler Bestandteil des am 9. Mai 2022 veröffentlichten umfassenden Reformplans der Organisation. Gemäss diesem Plan würde es privaten Schulen freistehen, entweder auf die öffentlichen Subventionen zu verzichten, oder sich komplett öffentlich zu finanzieren, wobei sämtliche subventionierten privaten und öffentlichen Schulen sich als Quartierschule mit zugewiesenem Einzugsgebiet einzugliedern haben. Namhafte Experten in Québec unterstützen den Plan und der Plan stösst auch in der Bevölkerung auf grosses Interesse. Die Regierung hat bereits den Willen zur Verbesserung der Zugänglichkeit der Schulen angedeutet.

Die Studie

Dlabac, Oliver; Amrhein, Adina; Hug, Fabienne (2022): «Durchmischung städtischer Schulen: optimierte Einzugsgebiete für Schweizer Städte», Aarau: Zentrum für Demokratie Aarau.

Der Reformplan

École ensemble (2022): «Plan pour un réseau scolaire commun», Montréal.

Dlabac, Oliver (2022): «Optimized school catchment zones for the City of Laval (Quebec)». Zürich: VILLE JUSTE.

Das ZDA

Das Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) ist ein wissenschaftliches Forschungszentrum, das von der Universität Zürich, der Fachhochschule Nordwestschweiz, vom Kanton Aargau und von der Stadt Aarau getragen wird. Es betreibt Grundlagenforschung und befasst sich mit aktuellen Fragen zur Demokratie – regional, in der Schweiz und weltweit.

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